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Die Geschichte, der Bau und die Entwicklung des Heiligtums
der Madonna del Sasso (oder Sacro Monte) haben das religiöse,
gesellschaftliche und auch wirtschaftliche Leben der Gemeinde
Orselina und ihr Ansehen wesentlich beeinflusst. Begonnen
hat alles mit Fra Bartolomeo da Ivrea, der 1480 das Kloster
San Francesco in Locarno (nach der Überlieferung soll
es vom heiligen Antonius von Padua 1229 gegründet worden
sein), verlassen hat, um sich als Einsiedler auf den “Sasso”
zurückzuziehen. Was seinen Entscheid ausgelöst hat,
kann nicht nachgewiesen werden. Um einen Sacro Monte zu errichten,
nach dem Vorbild desjenigen, der seit 1481 in Varallo gebaut
wurde (auf diese Zeit gehen auch das Heiligtum von Loreto,
die Anfänge des Sacro Monte in Varese und andere Maria
geweihte Wallfahrtsorte zurück)? Oder um, wie Padre Callisto
Caldelari schreibt, “der Bevölkerung von Locarno
eine bequemere, leichter zugänglichere Kirche zu bieten,
die auch ihm selbst das Leben auf dem Felsvorsprung beschaulicher
macht?” Die volkstümliche Überlieferung hingegen
nimmt an, dass ihn eine Erscheinung der Jungfrau Maria diese
Wahl treffen liess. Als erster berichtete der Kanoniker Giacomo
Stoffio 1625, also 145 Jahre nach dem Ereignis, von einer
Erscheinung, vielleicht von mündlichen Erzählungen
angeregt. Wie dem auch sei: 1480 setzte auf dem Sasso eine
Entwicklung ein, die in der Geschichte von Locarno und darüber
hinaus deutliche Spuren hinterlassen hat. Schon 1484 wurde
eine Schenkung der Brüder Masina eingetragen, die Fra
Bartolomeo das Gelände vermachten, auf dem er sich niedergelassen
hatte. Die ersten Bauten wurden errichtet, eine weitere Schenkung
folgte, schon 1487 wurden auf dem heiligen Berg zwei Altäre
geweiht, der eine im Kirchlein Santa Maria Avvocata (wo seinerzeit
das derzeitige Gnadenbild der Madonna del Sasso gezeigt wurde),
der andere in einer nahen Kapelle. Weitere Spenden trafen
ein, und schon vor Ende des 15. Jahrhunderts wurde mit dem
Bau der Verkündigungskirche am Fusse des Berges begonnen,
die als eigentliches Tor zum Sacro Monte gedacht war. Im Laufe
der Jahrhunderte wurde der Weg mit zahlreichen Votivkapellen
geschmückt. Einige sind inzwischen verschwunden, andere
konnten erhalten und restauriert werden. Die neuste Kapelle
wurde 1942 eingeweiht. Es ist die so genannte Polenkapelle,
die am Treppenaufgang zwischen der Wallfahrtskirche und dem
höher gelegenen Ristorante Funicolare steht.
Historisch
betrachtet hat der Sacro Monte schon im 16. Jahrhundert Gestalt
angenommen, und bald setzte der Zustrom der Gläubigen
aus verschiedenen Ländern ein. Während Jahrhunderten
war der Sacro Monte das Ziel eindrucksvoller Pilgerfahrten,
vor allem aus dem Tessin und aus Norditalien. In einem solchen
Mass, dass Orselina mit der Madonna del Sasso gleichgesetzt
wurde und die Entwicklung der Gemeinde mit derjenigen des
Heiligtums parallel verlief. Zahlreiche historische Zeugnisse
belegen diese Tatsache. Es genügt, eine Schilderung zwischen
Geschichte, Kuriosität und Folklore zu zitieren, die
der Reisende, Schriftsteller und Kunsthistoriker Samuel Butler
gemacht hat. “In Locarno wurden wir angezogen von den
bevorstehenden Feierlichkeiten zum vierhundertsten Jahrestag
der Erscheinung der Jungfrau an Fra Bartolomeo da Ivrea, der
Heiligtum gegründet hat. (...) Die grosse Attraktion
Locarnos ist der die Stadt überragende Sacro Monte. (...)
Die Kirche enthält die schönste Sammlung von Votivtafeln
nach derjenigen von Oropa, die ich kenne. Es gibt auch ein
modernes Bild der Grablegung Christi des italienischen Malers
Ciseri, das sehr bewundert wird. (...) Der gegen den See gewandte
Bogengang ist wunderschön. (...) Eine grosse Menschenmenge
eilte zu den Festen. Es gab Sonderzüge von Biasca und
den Zwischenstationen, auch Sonderschiffe. (...) Am Abend
endlich die Erscheinung der Vergine Benedetta”. Die
künstlerische Ausstattung des Heiligtums ist von hohem
Rang. Ausser den erwähnten Werken ist eines der berühmtesten
Gemälde von Bartolomeo Suardi, Bramantino genannt, zu
beachten: Die “Flucht nach Ägypten” geht
auf die Jahre 1520-22 zurück und wurde den Klosterbrüdern
von Locarneser Emigranten geschenkt. Von ausserordentlichem
Wert sind die Miniaturen und mittelalterlichen Schriften.
Vor einigen Jahren entdeckte Kodizes aus dem 14. Jahrhundert
konnten nach einer sorgfältigen Restaurierung 1998 ausgestellt
werden. Die Kapellen sind von namhaften Malern ausgeschmückt
worden. Die Holzskulpturen in den beiden Kapellen innerhalb
des Klostergebäudes werden Francesco Silva zugeschrieben,
der auch auf dem Sacro Monte in Varese tätig war.
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